Vorsicht vor dem Dierliwurm!
Geradezu ein mundartlicher Leckerbissen ist die Warnung, die sich in dem bereits 1857 erschienenen Werk Alemannisches Kinderlied und Kinderspiel aus der Schweiz von Ernst Ludwig ROCHHOLZ findet. Dort heißt es unter "Unfall und Krankheit" als Brauchtum Nr. 892:
"Kindern, die zu viele Kornelkirschen essen, cornus mascula,
Dirlitzen und Tierli genannt, droht man mit dem Dierliwurm oder Thierli,
das in ihrem Bauch aufwachsen werde."
Offenbar beruht die Warnung allein auf diesen mundartlichen Bezeichnungen, die in Süddeutschland und der Schweiz gebräuchlich sind; mit einem Tier haben sie nichts zu tun. Es ist allein die Namensähnlichkeit. Man wird erinnert an eine ähnliche Entwicklung bei Schutzheiligen. So wird der heilige Cornelius als Beschützer des Hornviehs angerufen, weil der Anfang seines Namens Horn bedeutet (lateinisch: corn = Horn).
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Cornouiller, corniolo, kornoelje, ...
Auch im außerdeutschen Verbreitungsgebiet ist die Bezeichnung für Kornelkirsche meist nach dem lateinischen cornus gebildet. Dies mag sich daraus erklären, dass die verschiedenen Länder, wenn sie nicht ohnehin zum romanischen Sprachraum gehörten, die Kornelkirsche aus diesem Sprachraum eingeführt und dann auch den Namen mehr oder weniger verändert mit übernommen haben.
bulgarisch: drjan
dänisch: kirsebær-kornel (= Kirsch-Kornel)
englisch: cornelian cherry, cornel (auch male dogwood = männlicher Hartriegel)
französisch: cornouiller mâle (= männliche K.), auch: cornouiller sauvage (= wilde K.), cornouiller des bois (= Waldk.), cornouiller jaune (gelbe K.), cornier, corbier. Frucht: cornouille, corneille
italienisch: corniolo (bei Betonung auf der zweitletzten Silbe auch Bedeutung von Karneol). Frucht: corniola
niederländisch: gele (= gelbe) kornoelje
norwegisch: vårkornell (= Frühlingskornell)
schwedisch: kornellkörsbär, auch körsbärkornell (= Kirschkornell)
serbo-kroatisch: drenjine
spanisch: cornejo macho (= männlicher c.), auch: cerezo silvestre (= Wald-C.)
In Wiktionary, dem freien Wikiwörterbuch (http://de.wiktionary.org./wiki/Kornelkirsche), vom 30.4.2006 sind darüber hinaus noch folgende Bezeichnungen zu finden:
estnisch: kirss-kontpuu
finnisch: punamarjakanukka
isländisch: vorhyrnir
kroatisch: drijen, drenj, drenovina
lettisch: kizils
litauisch: geltonoji sedula
portugiesisch: corneller
rumänisch: corn
slowakisch: drien; obycajný
slowenisch: dren, rumeni dren
tschechisch: drín obecný
türkisch: kizilcik
ungarisch: húsos som (gesprochen: huschosch schomm)
Daneben finden sich dort noch die Namen in Bulgarisch, Griechisch, Japanisch, Polnisch und Russisch, deren Wiedergabe wegen der anderen Schriftzeichen aber einige Schwierigkeiten macht.
Die spanische Bezeichnung cornejo (nicht zu verwechseln mit conejo = Kaninchen oder corneja = Rabenkrähe) ist ein verbreiteter Familienname in spanisch sprechenden Ländern, insbesondere auch in Peru.
Im Dänischen, Norwegischen und Schwedischen ist kornel bzw. kornell die Bezeichnung für die Gattung Hartriegel, entsprechend dem botanischen Gattungsnamen Cornus. So heißt auf Dänisch der Rote Hartriegel (Cornus sanguinea) rœd kornel (= roter Kornel), auf Norwegisch villkornell (= wilder Kornell) und auf Schwedisch sgokskornell (= Waldkornell). Im Isländischen, ebenfalls eine nordische Sprache, wird der Hartriegel skollaber genannt.
Die Familie der Hartriegelgewächse oder Cornaceae nennt sich dänisch kornelfamilien, norwegisch kornellfamilien und schwedisch kornellväxter. Der Begriff Kornel ist also in Skandinavien durchaus geläufig, wenn auch die Kornelkirsche selbst dort nicht heimisch ist. Sie wird aber, vor allem wegen ihrer frühen Blüten, auch dort in Parks und Gärten angepflanzt.
Eine Vielzahl italienischer Bezeichnungen
In der italienischen Fachliteratur wird die Kornelkirsche als in Italien häufig, für Mittel- und Norditalien sogar als gemein angegeben. Sie soll dort in Hecken und Wäldern der Hügellandschaft oder mittleren und unteren Bergregion wachsen, besonders auf steinigem Boden, wo man sie häufig zusammen mit Haselnuss, Hainbuche und Weißdorn finde.
Es wundert daher nicht, dass ein solcher Baum, der dazu noch von vielfältigem Nutzen ist, neben der offiziellen Bezeichnung corniolo eine Anzahl weiterer Namen im Volkmund hat, so corgnolo, cornajo, cornello, corniello, cornio, corno, crógnolo, sanguino maschio, aber auch corniale und corgnale (Gabrielle CORSI in Piante Selvatiche di uso alimentare in Toscana = Wildpflanzen zum Nahrungsgebrauch in der Toskana, 1979). Daneben gibt es zur eindeutigen Klarstellung die Bezeichnung corniolo maschio (= männlicher c.), die der lateinischen botanischen Bezeichnung nachgebildet ist.
Wie das vielbändige Lessico Universale Italiano, 1970, ausführt, ist corniolo eine Verkleinerungsform des ursprünglichen Namens córnio, der wiederum aus dem lateinischen Wort für Kornelkirsche, nämlich córneus hervorgegangen sei.
Kornelkirsche: Baum = corniolo, Frucht = corniola
Im Italienischen ist in der Regel ein Baum männlich und endet auf o, während dessen Frucht weiblich ist, denselben Namen trägt, aber auf a endet. So ist die ursprüngliche Form für Kornelkirsche als Baum cornio, für die Frucht cornia, die heutige Form corniolo für den Baum und corniola für die Frucht.
Was die Betonung von corniolo bzw. corniola angeht, scheinen im Italienischen ähnliche Schwierigkeiten wie bei Kornel im Deutschen zu bestehen: Die antike und lateinische Form cornio bzw. corneus wurden auf der ersten Silbe betont. Nach dem Lessico Universale Italiano liegt die Betonung von corniolo und corniola auf der ersten Silbe; die Betonung auf der zweitletzten Silbe ist allerdings danach auch möglich. Das Langenscheidt Taschenwörterbuch, 1962, gibt nur die Betonung auf der ersten Silbe an. Das viel benutzte Nachschlagewerk Encyclopedia Universale Garzanti, Ausgabe 1992, gibt nur die Betonung auf der zweitletzten Silbe an.
Alle Nachschlagewerke stimmen aber darin überein, dass das ebenso geschriebene italienische Wort corniola für den Halbedelstein Karneol auf der zweitletzten Silbe betont wird.
Im Nationalpark Cinque Terre an der ligurischen Küste ist als Spezialität eine scharfe Soße unter der Bezeichnung salsa del Corniolo zu kaufen. Trotz des Namens Corniolo = Kornelkirsche werden zur Zubereitung keine Kornelkirschen verwendet. Vielmehr stammt die Bezeichnung von einem Hügel dieses Namens, auf dem die Peperoni angebaut werden, die Hauptbestandteil der Soße sind.
In the U. K. it's the "Cornelian Cherry"
In Großbritannien wird die Kornelkirsche Cornelian Cherry genannt, übersetzt: cornelische Kirsche. Sie ist nicht sehr verbreitet. Laut dem 1988 erschienenen Werk The Hillier Book of Garden Planning and Planting wird die cornelian cherry zwar "schon seit Jahrhunderten in Großbritannien angepflanzt" – dies lässt sich auch aus ihren verschiedenen Erwähnungen im Oxford English Dictionary schließen (mehrere Nachweise aus dem 16. und 17. Jh.). Allzu großer Wertschätzung scheint sie sich aber heute nicht mehr zu erfreuen. In The Tree & Shrub Expert, einer in britischen Gartenzentren häufig angebotenen Schriftenreihe über gärtnerische Fragen von Dr. D. J. HESSAYON wird die Kornelkirsche als "populär, aber nicht besonders attraktiv" beschrieben. Dies scheint weit verbreitete Auffassung zu sein. In vielen britischen Gartenbüchern wird sie überhaupt nicht erwähnt, wohl aber eine Reihe anderer Vertreter der Hartriegelgewächse. Überhaupt hat es den Anschein, dass die Briten, wenn sie schon die Cornelian Cherry anpflanzen, sie dies in einer der Zuchtformen tun. The Hillier Manual of Trees & Shrubs, Ausgabe 1998, das von einer der führenden britischen Baumschulen herausgegebene Standardwerk, zählt folgende Zuchtformen der Kornelkirsche auf (mit der Jahreszahl, seit sie in Kultur sind):
'Aurea' (gelbliche Blätter), 1895
'Aurea Elegantissima' oder 'Tricolor' (gelbliche Blätter mit etwas Rot), um 1869
'Hilliers Upright' (hochwachsende Form)
'Macrocarpa' (größere Früchte)
'Variegata' (weißgerandete Blätter)
Man findet aber auch positive Stimmen zur Kornelkirsche. In dem umfangreichen Werk The Gardener's Illustrated Encyclopedia of Trees and Shrubs von Brian DAVIS, London 1987, wird zur Cornelian Cherry einleitend - farblich hervorgehoben - ausgeführt: "Cornus mas und C. mas 'Variegata' können nicht hoch genug als Sträucher für den größeren Garten empfohlen werden, denn sie sorgen im Winter für Blüten und im Herbst für Früchte."
Hartriegel = Cornel oder Dogwood
Für einen hohen Bekanntheitsgrad des Wortstammes von Cornelius in Großbritannien ist jedenfalls gesorgt. Denn auch die gesamte Gattung Cornus L., also alle Hartriegelgewächse, die dort in den verschiedenen Arten und Zuchtformen durchaus verbreitet sind, nennt sich Cornel; oder Dogwood (wörtlich: Hundeholz).
Mit Common Dogwood wird der in Südengland weit verbreitete Rote Hartriegel - Cornus sanguinea - bezeichnet. Für Cornelian Cherry wird auch einfach der Ausdruck Cornel gebraucht; nach neueren botanischen Wörterbüchern (HYAM/PANKHURST, 1995, QUATTROCCHI, 1999) soll auch die Bezeichnung sorbet verwendet werden.
Großes Fragezeichen bei der Betonung
Erst wenn man tiefer in eine Sache einsteigt, wird häufig festgestellt, was es noch alles an Fragen gibt. So auch bei der Bezeichnung Kornelkirsche. Wo liegt die Betonung, auf der ersten oder zweiten Silbe?
Nach der Masse der durchgesehenen Literatur liegt die Betonung, soweit sie überhaupt angegeben war, auf der zweiten Silbe. Dabei wird diese betonte zweite Silbe jeweils als lang gesprochen angegeben.
Dagegen macht schon das Deutsche Wörterbuch der Brüder GRIMM, 5. Band aus dem Jahre 1873, darauf aufmerksam, dass Kornelbaum anscheinend teils auf der ersten, teils auf der zweiten Silbe betont wird. Unter dem Stichwort Kornelle (= Kornelkirsche als Frucht) wird dort weiterhin ausgeführt, dass die deutschen Umbildungen kornbeere, korbeere ... lauten, die lateinische Umbildung kornelius-kirsche (vgl. englisch Cornelian Cherry) aus der Betonung auf der zweiten Silbe herrührt. Das Wörterbuch stellt hierzu die schwer verständliche Frage: "Hängt damit zusammen die merkwürdige angabe bei Rädlein 179 b 'Cornelius im kopf, rappelköpfisch, martel en tête'?" (Die Frage dürfte insoweit geklärt sein, dass - wie weiter vorn im Kapitel "Cornelius = Katzenjammer" dargelegt - Cornelius/verbummelter Student nichts mit der Kornelkirsche zu tun hat.)
Legt man Zedlers Universal-Lexicon von 1733 zugrunde, spricht alles für eine Betonung auf der zweiten Silbe. Dort sind nämlich die Stichworte Corneel=Beere, Corneel=Kirsche, Corneel-Kirschen=Baum sowie Cornelius=Kirschen, Cornelius=Kirschen=Baum, Cornell=Kirsche, Cornelle aufgeführt, deren Schreibung anzeigt, dass damals die zweite Silbe betont wurde, wenn auch mal lang und mal kurz. In einem Werk aus dem Jahre 1798 Fortgesetzte Magie, oder, die Zauberkraft der Natur von Professor Samuel HALLE, in Berlin erschienen, wird in einem Artikel über die Verwendung der Kornelkirsche als Olive diese jeweils "Kornellkirsche" geschrieben, also mit Doppel-l. Demnach ging Halle damals von einer Betonung auf der zweiten Silbe aus, die aber kurz ausgesprochen wurde.
Bei Italienern und Briten Betonung auf der ersten Silbe
Zur Darstellung der Komplexität dieser Frage sei noch darauf hingewiesen, dass im Französischen cornouille und Spanischen cornejo (jeweils Kornelkirsche als Frucht) die zweite Silbe betont wird. Im Italienischen córniolo liegt jedoch die Betonung auf der ersten Silbe (allerdings ist dort auch die Betonung der dritten Silbe zulässig); andernfalls ist damit der Schmuckstein Karneol (= corniólo) gemeint. Das englische Wort corneltree wird ebenfalls auf der ersten Silbe betont. Laut The Oxford English Dictionary, Ausgabe 1933, ist cornel in England schon seit dem 16. Jh. in Gebrauch und in den verschiedenen Schreibweisen aus dem Deutschen (von cornel-baum) übersetzt. Das wiederum würde darauf hindeuten, dass die frühen deutschen Formen wie cornel-baum, churnelbere, quirnilberi ebenfalls auf der ersten Silbe betont wurden.
Schließlich nannten die Römer den Strauch schon cornus, wobei ebenfalls die erste Silbe betont wurde. Vieles dürfte dafür sprechen, dass sich Kornel vom italienischen corniolo ableitet. Dort ist der Baum allgemein verbreitet und wurde vielfältig genutzt. Wie schon oben ausgeführt, wird corniolo in der Regel auf der ersten Silbe betont. Im Übrigen hat auch das mundartliche italienische Wort crógnolo für Kornelkirsche die Betonung auf der ersten Silbe.
Der Schreiber dieser Zeilen hat eine Anzahl seiner Bekannten getestet. Auch dort keine Eindeutigkeit, jedoch leichte Mehrheit für die Betonung der zweiten Silbe, allerdings dann meist kurz gesprochen. Dies könnte sich allerdings auch damit erklären, dass man im Ruhrgebiet beim Namen Cornelissen meist die zweite Silbe kurz und betont ausspricht, als wenn Cornelissen mit Doppel-l ("Conellissen") geschrieben würde.
Man könnte auch vertreten, dass die Betonung der zweiten Silbe, lang gesprochen, ein Kurzform von Cornelius-Kirsche ist.
Skandinavier betonen die zweite Silbe
Nimmt man allerdings die skandinavischen Sprachen zu Hilfe, ist die Aussprache eindeutig: Im Dänischen, Norwegischen wie Schwedischen wird jeweils die zweite Silbe betont und - in der Regel - kurz gesprochen. Lediglich in dem vielbändigen Ordbog over det Danske Sprog, 11. Band, 1929, wird angemerkt, die zweite Silbe werde "jetzt selten" lang wie nehl gesprochen. Dies hat um so mehr Bedeutung, als dort im Gegensatz zum Deutschen der Begriff Kornel relativ häufig ist. Kornel (dänisch) bzw. kornell (norwegisch und schwedisch) ist dort nämlich sowohl der Name für die Gattung Hartriegel (= Cornus) wie für die Familie der Hartriegelgewächse (= Cornaceae).
Wie ein Vergleich mit der Entwicklung des Namens Cornelius zeigt, wurde in den verschiedenen Formen und Ableitungen immer die zweite Silbe betont. Das ging so weit, dass die erste Silbe sogar teilweise weggefallen ist, wie sich aus Namen wie Nelius, Nehl, Nelle, Nelissen ergibt. Diese Formen zeigen aber auch, dass für die Silbe nel die kurze wie die lange Aussprache nebeneinander existieren.
Alles in allem liegt die Annahme nicht fern, dass für Kornel alle drei Möglichkeiten - erste bzw. zweite Silbe betont, diese wiederum lang oder kurz - in Übung waren oder sind.
Vielleicht kann einmal ein Cornelius/Cornelissen seine Diplom- oder Doktorarbeit darüber schreiben.
Gespendet: Cornelkamp in Mühlhausen
In Unna-Mühlhausen im Naturschutzgebiet "Uelzener Heide/Mühlhauser Mark" liegt neben einem Wäldchen ein schönes, über 13.000 qm umfassendes Wiesengrundstück mit großem Teich, Wildobstbäumen und kleinen Gehölzen: der "Cornelkamp". Wie kam das Biotop zu seinem Namen?
Als der Verfasser 60 Jahre alt wurde, trat an seiner Arbeitsstätte die Frage auf, was er sich zum Geburtstag wünsche. Antwort: Geldspenden, um in seinem Heimatort, wo er Vorsitzender des "Vereins für Heimat und Natur" ist, einen Acker für den Natur- und Landschaftsschutz kaufen zu können. Es kam ein so großer Betrag zusammen, dass die erforderlichen 20 % Eigenkapital abgedeckt waren. Die restlichen 80 % gab das Land Nordrhein-Westfalen hinzu.
Die vorgeschlagene Bezeichnung Cornelissenkamp für das neue Biotop war dem Verfasser zu deutlich. Um dem dann gewählten Namen "Cornelkamp" eine andere Richtung zu geben, pflanzte er dort zehn Kornelkirschen an.
Übrigens: Am Abend des 31.12.1994, als das Eigentum an dem Grundstück auf den NABU (Naturschutzbund) Kreis Unna überging, pflanzten alle vier Mühlhauser Cornelissen - Jupp, Barbara, Jan und Nils - eigenhändig je einen dicken Ast als Kopfweide. Heute (2008) sind es kräftige Bäume.
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